URBANSTEEL

BEDINGUNGEN FÜR EINE STAHLBAUKULTUR

IM DIALOG: TANJA REIMER | PATRIC FISCHLI-BOSON | ASTRID STAUFER

Warum bauen wir – zum Beispiel im Vergleich zu England – so wenig Stahl? Martin Mensinger und Chris Snow haben die These aufgestellt, man wisse dort nicht, wie man in Beton, und hier nicht, wie man in Stahl baut. Was meint ihr dazu?

Tanja Reimer, ZHAW

Als Tendenz stimmt das vermutlich schon. Zudem hat der Stahlbau einen höheren Intitialaufwand als der Massivbau, was man scheut.

In den letzten Jahrzehnten hat sich in der Schweiz eine beeindruckende akademische Bautradition herausgebildet. Aber vielleicht hat gerade der tektonische Anspruch, Konstruktionen nicht verkleiden zu wollen, dazu geführt, dass die Feldforschung zum Material Stahl zu kurz gekommen ist.

Gleichzeitig unterstellen Chris Snow und Jürg Graser den Architekten eine gewisse Faulheit, sich mit Konstruktion auseinanderzusetzen, was den Massivbau fördert. Könnt ihr das nachvollziehen?

Tanja Reimer, ZHAW

Ich denke nicht, dass dies aus Faulheit geschieht. Durch den grassierenden Standardisierungs- und Zertifizierungswahn der letzten Jahre sind die Architekten allerdings mit anderen fragen derart absorbiert, dass die konstruktive Leidenschaft wohl etwas in Bedrängnis geraten ist. Wir müssen sie wieder zurückerobern, wenn wir verhindern wollen, dass wir nur noch Kulissen von gebastelten Konstruktionen gestalten dürfen!

Ich sehe eine Tendenz, die dem Stahlbau auch helfen könnte: Das digitale Bauen und BIM haben eine ähnliche Intensitätskurve und einen ebenso hohen Initialaufwand wie der Stahlbau. Zudem muss man schon in der Lehre Vorurteile in eine Neugierde umwandeln.

Die Förderung des Stahlbaus in der Lehre ist sicher wichtig, aber mehr noch helfen verführerische Beispiele aus der Praxis. Sobald solche aufscheinen, werden sich Studierende und Architekten wieder für den Stahlbau interessieren.

VERDICHTEN + AUFSTOCKEN

Boden ist in der Schweiz ein knappes Gut. Der begrenzte und zugleich sehr empfindliche Landschafts- und Siedlungsraum wurde arg strapaziert. Ein sorgsamer Umgang mit den verbleibenden Grünflächen ist aufgrund des zunehmenden Siedlungsdrucks durch Bevölkerungswachstum und steigende Wohnansprüche eine für Mensch und Umwelt wichtige Aufgabe.

Die Zunahme der Wohnfläche pro Einwohner am Beispiel des Kanton Zürichs zeigt, dass diese im Jahr 1980 noch bei 34, 2009 bereits bei 45 Quadratmetern im Jahr lag. Zudem ist die Schweiz mit durchschnittlich einem Prozent Bevölkerungswachstum pro Jahr eines der dynamischsten Länder in Europa. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich die Bevölkerung mehr als verdoppelt: von 3,3 Millionen (1900) auf 8 Millionen (2013). Alle Prognosen gehen von einem weiteren Wachstum aus. Die Zehn-Millionen-Schweiz ist nicht mehr bloss ein Szenario, sondern wird zunehmend Realität. Der Boden hingegen ist begrenzt und nicht vermehrbar. Um einer weiteren Zersiedelung entgegenzuwirken, sollen Landreserven geschont und urbane Zentren verdichtet sowie besser genutzt werden – bei gleichzeitiger Steigerung der Lebensqualität.

Eine konsequente Innenentwicklung kann hier einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung dieser Herausforderung leisten, denn bei der Verdichtung unseres Lebensraumes sind wichtige Aspekte der städtebaulichen bzw. raumplanerischen Vorgaben zu erfüllen. Qualität vor Quantität heisst eines der Stichworte. Die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Ort und der Aufgabe ist bei der Suche nach standortgerechten Lösungen gefragt. Uniformität soll vermieden werden. Die Grenzen der Verdichtung müssen über Partikularinteressen gestellt werden. Schützenswerte Ortszentren oder historische Gebäude sind behutsam
weiterzuentwickeln und im Grundsatz zu schonen. Die hohen architektonischen Ansprüche der Schweizer Baukultur sollen auch bei der Verdichtung angewendet werden. Für den korrekten Umgang mit bestehender Bausubstanz und Aufstockungen oder Erweiterungen braucht es Fachwissen und Erfahrung.

• Patric Fischli-Boson •

PUBLIKATIONEN URBANSTEEL

STUDIENAUFTRAG
CASE STUDY STEEL HOUSE (CSSH)

TEXT: ZHAW

Die konstruktive Leidenschaft im architektonischen Entwurf droht vermehrt unter der Last von Anforderungen und Expertisen zusammenzubrechen und in einer Bilderflut zu versinken. Der Studienauftrag «Case Study Steel House» schafft daher Raum für einen entwerferischen Dialog der Konstrukteure. Vor allem im Stahlbau lassen sich Konzepte, die das Potenzial der digitalen Vorfabrikation ausreizen oder komponierte Hybride, die auch hinsichtlich Brandschutz und Bauphysik überzeugen, nur in seltensten Fällen im realen Bauprojekt vorantreiben – schon gar nicht im Wohnungsbau.

Der Sommerworkshop «Re-Domesticizing Steel» des IKE hat die divergierenden Bedingungen in Europa vorgeführt und verwies dabei auf ungenutzte Potenziale. Mit der Publikation «Zu Hause im Stahl» konnten die Erkenntnisse gebündelt und zugänglich gemacht werden: Stahlbau-Ikonen inspirieren zur Wiedererwägung der Bauweise; zeitgenössische Bauten belegen die konstruktiven Herausforderungen, aber auch eine grosse Varianz auf der Suche nach der Wohnlichkeit des Stahls.

Um auf dieser Grundlage die schöpferische Kraft des forschenden Entwerfens weiter zu stimulieren, wurde durch den Studienauftrag Case Study Steel House – ganz im Sinne des prominenten Programms der Arts & Architecture – eine «Laborsituation» geschaffen, in der sich interdisziplinäre Teams anhand einer fiktiven Bauaufgabe den konstruktiven und räumlichen Fragen von Stahl im Wohnungsbau widmen. Die Entwicklung übertragbarer Konzepte stand dabei ebenso im Fokus wie die Initiierung einer Auseinandersetzung mit der Kunst des Fügens.

Die Architekturzeitschrift «werk, bauen + wohnen» präsentierte die konstruktiven und räumlichen Konzepte der teilnehmenden Teams im Septemberheft 2017 und machte sie der Fachöffentlichkeit zugänglich. Auch die Industrie zeigte sich interessiert: In einer inspirierenden Ausstellung wurden – finanziert durch Schweizer Unternehmen – 1:1-Mock-Ups der erarbeiteten Konstruktionsprinzipien gezeigt. Sie bilden die Grundlage für eine vertiefende Forschung auf dem Weg zu deren Anwendung.

AUSSTELLUNG CSSH

BILDER: PHILIP HECKHAUSEN

TEILNEHMER

Architektur: Meili, Peter & Partner AG, Zürich
Bauingenieurwesen: Drewes + Speth, Hannover/D (internationale Beteiligung)

Architektur: Boltshauser Architekten AG, Zürich
Bauingenieurwesen: Conzett Bronzini Partner AG, Chur
Weitere Beteiligte: Waldhauser + Hermann AG (Haustechnik) und Kopitisis Bauphysik AG (Bauphysik, Akustik)

Architektur: Pascal Flammer, Zürich
Bauingenieurwesen: Lorenz Kocher GmbH, Chur

Architektur: Burrus Nussbaumer Architectes GmbH, Genf
Bauingenieurwesen: Ingeni AG, Carouge GE
Weitere beteiligte Planer: Dinges Consulting (Brandschutz), Architecture & Acoustique SA (Bauphysik)

Architektur: Julia Hemmerling, Zürich (Nachwuchs)
Bauingenieurwesen: Dr. Schwartz Consulting AG, Zug

Architektur: Ressegatti Thalmann, Zürich (Nachwuchs)
Bauingenieurwesen: Mario Rinke, Zürich

BEARBEITUNG
Oktober 2016 – März 2017

ENTSCHÄDIGUNG
CHF 30’000.- pro Team

BEGLEITGREMIUM
Andrea Deplazes, Bearth & Deplazes, Prof. ETHZ
Frank Escher, Escher GuneWardena / L.A., Gastprofessor EPFL
Patric Fischli-Boson, Direktor SZS Stahlbau Zentrum Schweiz
Patrick Heiz, Made in
Tibor Joanelly, Redaktor Werk, Bauen + Wohnen
Daniel Meyer, Dr. Lüchinger Meyer Bauingenieure, Dozent IKE
Tanja Reimer, wiss. Mitarbeiterin IKE
Astrid Staufer, Staufer & Hasler Architekten, Leitung IKE

EXPERTEN
Mario Fontana, Prof. ETHZ, Experte Brandschutz
Patrik Hämmerle, Hämmerle & Partner, Experte Wirtschaftlichkeit
Michael Herrmann, Bakus Bauphysik, Experte Bauphysik

BEWERBUNGSFRIST
19. August 2016

AUSLOBER
ZHAW
Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Institut Konstruktives Entwerfen